Grammatik | Kräuter & Pflanzen
Karotte, Wurzel, Möhre
Warum gibt es so viele unterschiedliche Namen für diese eine Pflanze?
Sarah Christiansen
4 Sep, 2019

Dass Deutschland nicht einfach nur eine homogene Masse ist, sondern sich aus vielen unterschiedlichen Gebieten mit jeweils eigenem kulturellen und sprachlichen Hintergrund zusammensetzt, merkt man oftmals an Kleinigkeiten. Hierzu zählen beispielsweise die vielfältigen Namen, die ein und dieselbe Pflanze in verschiedenen Ecken der Bundesrepublik aufweist. Ein bekanntes Beispiel dafür ist ein beliebtes Gemüse aus der Familie der Doldenblütler, das auf den lateinischen Namen Daucus carota sativus hört und in der Küche einen wichtigen Platz einnimmt. Die Bezeichnung für dieses orangefarbene Gemüse variiert allerdings von Region zu Region:
Für mich als gebürtige Nordfriesin heißt  es eindeutig „Wurzel“ und an dieser Bezeichnung werde ich festhalten (trotz fieser Kommentare und Unverständnis seitens diverser Menschen mit anderem innerdeutschen Migrationshintergrund). Weitere (und ich gebe es zu, etwas verbreitetere) Benennungen sind „Gelbe Rübe“, „Karotte“, „Mohrrübe“ oder „Möhre“. Doch wer benutzt welchen Namen? Wieso eigentlich? Und gibt es eine „richtige“ Bezeichnung?

Regionale Unterschiede

Der Sprachgebrauch verschiedener Varianten lässt sich geographisch grob unterteilen, wobei selbstverständlich die Grenzen fließend sind und auch andere Bezeichnungen in den jeweiligen Gebieten benutzt werden:

Während man im Süden (u. a. in Bayern und Baden-Württemberg) Gelbe Rübe verwendet, findet sich die Bezeichnung Karotte in Österreich, Südtirol und dem ehemals kurpfälzischen Gebiet. Interessanterweise hat sich „Karotte“ in den letzten Jahren immer weiter auch in anderen Gebieten Deutschlands verbreitet. Möhre ist im Westen und Mittelosten gebräuchlich, wohingegen die Mohrrübe im Nordosten zu Hause ist. Mit Wurzel wird das Gemüse im äußersten Norden und Nordwesten benannt.

In Liechtenstein und in der Schweiz findet sich zudem die (für meine norddeutschen Ohren unglaublich niedlich klingende) Bezeichnung Rübli.

Sprachgeschichte – wie fing alles an und wo geht die Reise hin?

Werfen wir nun einen (kurzen, ich verspreche es) Blick in die Sprachgeschichte:

„Karotte“ stammt vom lateinischen Wort „carota“ ab (ähnlich wie das englische „carrot“, das französische „carotte“ oder das italienische „carota“). „Karotte“ ist dabei aus sprachgeschichtlicher Sicht ein ziemlicher Jungspund, schließlich fand das Wort erst im 16. Jahrhundert seinen Weg in die deutsche Sprache. Die anderen Begriffe lassen sich hingegen auf indoeuropäische Wortstämme zurückführen.

„Möhre“ hat seinen Ursprung beispielsweise in dem althochdeutschen Wort „mor(a)ha“ sowie dem spätmittelhochdeutschen „mörhe“ und ist damit seit dem 10. Jahrhundert belegt, außerdem fallen nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeiten mit dem russischen „morkov“ auf. Zudem ist in „Möhre“, wie auch in anderen germanischen und slawischen Sprachen, die Bezeichnung für „Wurzel“ enthalten.

Die Bezeichnungen „Möhre“ und „Karotte“ sind, wie bereits erwähnt, zurzeit auf dem Vormarsch und verdrängen langsam aber sicher die anderen Varianten. Dies sieht man z. B. daran, dass sich diese beiden Begriffe fast ausschließlich auf Produktbezeichnungen finden.

Ich muss jetzt sehr stark sein, denn ein besonderes Opfer des Verdrängungskampfes ist die Bezeichnung „Wurzel“, die langsam zurückgeht. Während sie vor 40 Jahren noch in ganz Mecklenburg-Vorpommern und im gesamten Nordwesten verwendet wurde, wird sie heute nur noch auf der Hälfte des früheren Gebietes benutzt, und zwar in jenen Gegenden, in denen heute noch Niederdeutsch gesprochen wird. Stattdessen wird dort jetzt das Wort „Mohrrübe“/„Möhre“ viel gebraucht. Dabei hat die „Wurzel“ viele Sprachfreunde, im Niederländischen z. B. „wortel“, im Nordfriesischen „wochel“, im Saterfriesischen „wuttel“ und sogar im Indonesischen (ebenfalls „wortel“).

Hochinteressant ist auch die „Gelbe Rübe“, die es in einigen dialektalen Ausprägungen gibt. So heißt sie auf Bayrisch etwa „Gelbe Ruam“ bzw. „Gejbe Ruam“, auf Pfälzisch „Gelleriewe“ und im Badischen „Gelleriebe“. „Warum eigentlich gelb und nicht orange?“, könnte man sich fragen (also, hab ich mich zumindest gefragt). Vermutlich lag es daran, dass in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert hauptsächlich gelbe Möhren angebaut wurden und die orangefarbigen Möhren, die wir heute kennen, erst später kamen, als sich der Name „Gelbe Rübe“ bereits etabliert hatte.

Ist eine Bezeichnung „richtiger“ als die anderen?

Der Lokalpatriot in mir ruft laut und deutlich: „Natürlich! ‚Wurzel‘ ist die einzig richtige Bezeichnung, schließlich nutzt man von der Pflanze nur die Wurzel!“ Der erwachsene Sprachwissenschaftler hingegen erkennt alle Varianten als gut und richtig an. Auch die Bibel (also der Duden) kennt sowohl Wurzel, Gelbe Rübe, Karotte, Mohrrübe als auch Möhre und sogar das putzige Rübli.

Bei einem Blick auf die Sprachen weltweit lässt sich ebenfalls kein Trend ablesen, im Gegenteil, es gibt sehr viele sehr unterschiedliche Bezeichnungen: So heißt das Gemüse im Tschechischen z. B. „mrkev“, im Dänischen „gulerod“ (übrigens „güllerröll“ ausgesprochen, falls es Sie interessiert) und im Finnischen „porkkana“.

Es ist also egal, wie Sie das Gemüse nun nennen. Keine Bezeichnung ist falsch, und lecker und gesund ist es in jedem Fall.

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Zweite Feder

„Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen ist derselbe wie zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz“ – Mark Twain

Meine Begeisterung für das geschriebene Wort wurde bereits sehr früh geweckt, denn ich bin in einem Haushalt voller Bücher aufgewachsen. Deshalb habe ich schon seit meiner Kindheit immer sehr viel gelesen und eigene Geschichten geschrieben.
Im Laufe meiner Schulzeit bildete sich dann mein Berufswunsch heraus, ich wollte unbedingt mit Texten arbeiten und Lektorin oder Kulturjournalistin werden.
Deshalb studierte ich Germanistik und Skandinavistik an der Universität Göttingen und schloss mein Studium Anfang 2011 mit einem Magister Artium ab.
Während meines Studiums korrigierte ich unzählige Hausarbeiten von Kommilitonen, schrieb Artikel für Zeitschriften und arbeitete redaktionell im PR-Bereich. Im Anschluss daran war ich knapp fünf Jahre lang im Wissenschaftslektorat tätig und u. a. für die Betreuung einer wissenschaftlichen Zeitschrift verantwortlich, für die ich das Layout und Korrektorat übernahm. Nebenberuflich habe ich ebenfalls als Lektorin gearbeitet sowie als Texterin.

Des Weiteren konnte ich einige Erfahrungen im Marketing und im Verlagswesen sammeln.

In all diesen Jahren ist meine Leidenschaft für die Arbeit an und mit Texten nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, nach wie vor freue ich mich jedes Mal, wenn ich einen neuen Text vor mir liegen habe, der von mir bearbeitet werden darf oder wenn ich selbst einen Text schreibe und mich dafür vorher in ein neues Thema einarbeiten kann.
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In eine Musikerfamilie hineingeboren, lag es natürlich nahe, dass die Kunst und im Besonderen die Literatur und Musik ein wichtiger Bestandteil meines Lebens sein würden. Während der Schulzeit standen dann, neben der Lektüre des gesammelten Bestands der erreichbaren Bibliotheken, vor allem Geigenstunden, Chor und später der Musik-Leistungskurs an erster Stelle.

Als klassischer Bücherwurm siegte jedoch nach der Schule die Liebe zur Literatur und ich schloss mein Germanistik- und Geschichtsstudium an der Universität Freiburg i. Brsg. mit einem Bachelor of Arts, und an der Universität Göttingen mit dem Master of Arts ab.
In dieser Zeit konnte ich außerdem erste Erfahrungen in der Verlagswelt sammeln, genauer gesagt, in die Bereiche Herstellung, Vertrieb und PR eines kleinen, belletristisch ausgerichteten Münchner Verlags hineinschnuppern. Durch mehrere Nebenjobs, größtenteils ebenfalls in der PR und im Lektorat, die ich während des Studiums ausübte, erarbeitete ich mir bereits praktische Routine und Sicherheit in diesen Bereichen.

Inzwischen wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, lektoriere, korrigere und texte ich nun auch von München aus.

Was mich an meiner Arbeit für die Zweite Feder besonders begeistert, ist die Möglichkeit, an Texten zu feilen, mit Sprache zu spielen und gleichzeitig jeden Tag neue Themen, Menschen und Geschichten zu entdecken und über diese Entdeckungen zu schreiben.

☆ Musik und Musiktheorie (Spezialgebiet „Alte Musik“, v. a. Barock) ☆ Geschichte ☆ Englischsprachige, vor allem britische Literatur ☆ Filme und Serien ☆ SciFi ☆Garten und Pflanzen ☆ Reisen ☆ Wandern ☆ Stricken