Diverses
Das Fliegen­de Spa­ghetti­mons­ter
Flying Spaghetti Monster
Sarah Christiansen
15 Jun, 2020

Das Fliegende Spaghettimonster (oder auch FSM, wie die coolen Kids sagen bzw. ehrfürchtig raunen) war mir schon lange ein Begriff. Schließlich stolpert man im Internet öfter darüber, etwa in Form von Geschenkartikeln auf Nerdseiten. Auch in (liberalen amerikanischen) Zeichentrickserien, wie bei den Simpsons, South Park oder Futurama, schwebte die fliegende Portion Spaghetti mit Fleischbällchen und großen Stielaugen, die an einen Kraken erinnert, so manches Mal durchs Bild. Ich hatte mich aber nie damit auseinandergesetzt, was genau dahintersteckt, sondern akzeptiert, dass es einfach da ist. Als ich schließlich begann, mich mehr damit zu beschäftigen, stellte ich bald fest, dass viel mehr dahintersteckt als nur ein Witz.
Die Anhänger, die sich selbst „Pastafari“ nennen, haben nämlich durchaus ernstzunehmende Anliegen. Aber zunächst von vorne.

Wie kam es zum Fliegenden Spaghettimonster?

Schöpfer und offizieller „Prophet“ ist der US-amerikanische Physiker Bobby Henderson. Dieser hatte 2005 davon erfahren, dass es Pläne gab, in Kansas im Biologieunterricht an den Schulen neben der Evolutionstheorie auch das sogenannte „Intelligent Design“ zu unterrichten. „Intelligent Design“ bezeichnet eine kreationistische/christliche Idee, die davon ausgeht, dass ein intelligenter Urheber oder Schöpfer hinter der Erschaffung des Universums bzw. des Lebens steht. Die klassische Evolutionstheorie wird hingegen geleugnet. Der christliche Gott wird als Urheber zwar nicht explizit genannt, doch scheint er gemeint zu sein. Die Vertreter des „Intelligent Design“ verstehen dieses als eine Wissenschaft. Eine Meinung, die von Wissenschaftlern in der Regel abgelehnt wird. In den USA gibt es eine strikte Trennung von Staat und Kirche, mit dem „Intelligent Design“ wird aber versucht, diese Trennung zu umgehen, indem es als wissenschaftliche Theorie dargestellt wird.

Henderson schrieb daraufhin einen (wie ich finde sehr gelungenen) Brief an die Schulbehörde. In diesem legte er dar, dass das Fliegende Spaghettimonster als Schöpfer hinter dem „Intelligent Design“ stecken könnte und deshalb die Lehre über das Spaghettimonster ebenfalls in der Schule auf dem Unterrichtsplan stehen sollte, da es hierfür eine Reihe wissenschaftlicher Beweise gebe. Mit dieser satirischen Forderung wollte er aufzeigen, dass (wissenschaftlich ummantelte) religiöse Inhalte im naturwissenschaftlichen Unterricht nichts zu suchen haben.

Henderson weist in seinem Brief übrigens auch auf den (für die Pastafari unbestrittenen) Zusammenhang zwischen der sinkenden Anzahl an Piraten und der Erderwärmung hin. Diese wurde demnach durch einen Rückgang des Freibeutertums ausgelöst.

Eine deutsche Übersetzung des Briefes findet sich hier, das englische Original hier.

Das Fliegende Spaghettimonster in Deutschland

Das Fliegende Spaghettimonster kann sich über eine weltweite Anhängerschaft freuen, die beständig wächst. Auch in Deutschland gibt es seit 2006 eine offizielle Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters. Sie versteht sich als Weltanschauungsgemeinschaft und versucht sich als solche anerkennen zu lassen. Dafür kämpft sie u. a. vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Auslöser hierfür war im Übrigen ein „Schilderstreit“ in Templin, dem Ort, an dem die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters in Deutschland gegründet wurde. Hintergrund des Streits war das Aufstellen von Hinweisschildern, die auf die immer freitäglich stattfindende „Nudelmesse“ hinweisen.

Zudem setzt die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters sich ein für eine offene und tolerante Ethik, wie sie der evolutionäre Humanismus vertritt, und steht u. a. für eine Trennung von Kirche und Staat ein. Deshalb ist sie Mitglied im Förderverein der Giordano-Bruno-Stiftung. Diese ist laut eigener Aussage eine „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung, der sich viele renommierte Wissenschaftler, Philosophen und Künstler angeschlossen haben“ und vertritt ebenfalls säkulare Interessen.

© Bild: pastafari.eu 

Die Sache mit dem Nudelsieb

Um ihrer Anhängerschaft zu dem Spaghettimonster auch nach außen hin Ausdruck zu verleihen, wollen manche Pastafari ein Nudelsieb als religiöse Kopfbedeckung auch auf den Fotos offizieller Dokumente tragen. In einigen Fällen klagten einzelne Pastafari für dieses Recht, etwa eine Niederländerin im Jahr 2018, die allerdings vor dem höchsten Gerichtshof der Niederlande unterlag. Andere waren erfolgreicher, so hat sich etwa ein Österreicher 2011 mit einem Nudelsieb auf dem Kopf für sein Führerscheinfoto ablichten lassen. Ein amerikanisches Gemeinderatsmitglied hatte 2014 seinen Amtseid ebenfalls mit einer entsprechenden Kopfbedeckung geschworen.

Gebote, Feiertage und sprachliche Besonderheiten

Selbstverständlich gibt es auch bei den Pastafari Gebote, die sich im „Evangelium des Fliegenden Spaghettimonsters“ finden. Es sind die acht „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht …“ (Englisch: The 8 I’d Really Rather You Didn’ts). So lautet z. B. das 2. Gebot: „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht meine Existenz als Mittel benutzen, um jemanden zu unterdrücken, zu unterwerfen, zu bestrafen, zu vernichten oder du weißt schon. Ich verlange keine und benötige keine Opfer. Und Reinheit ist was für Trinkwasser, nicht für Menschen.“

Außerdem verfügt auch die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters über eigene Feiertage. Der wichtigste Feiertag ist der Freitag, der jede Woche begangen wird. Leider konnte er sich weltweit noch nicht als arbeitsfreier Tag durchsetzen.

Es gibt aber auch weitere Feiertage, die laut eigener Aussage von anderen Religionen übernommen und verfälscht wurden, wie z. B. den Garfreitag (bei den diebischen Christen auch als Karfreitag bekannt), der Tag, an dem erstmals eine Nudel gegart wurde.

Ein weiteres Highlight im Pastafari-Kalender ist am 19. September der Sprich-wie-ein-Pirat-Tag. Wie der Name schon andeutet, sollen die Gläubigen wie Piraten sprechen und sich zudem als solche verkleiden, um im Idealfall weitere Gläubige für ihre Religion zu gewinnen (unter Zuhilfenahme von Grog).

Wenn die Pastafari von „His Noodly Appendage“ („Seinem Nudeligen Anhängsel“) sprechen, parodieren sie dabei die Bezeichnung „die Hand Gottes“. Ein weiterer bekannter Ausspruch lautet „He boiled for our sins“ („Er wurde für unsere Sünden gekocht“), dieser weist eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit mit dem Spruch „Christ died for our sins“ („Christus starb für unsere Sünden“) auf. Gebete schließen derweil mit dem Wort R’amen bzw. RAmen (japanische Nudelsuppe bzw. Nudelart). Auch hier muss man kein Religionswissenschaftler sein, um eine gewisse Analogie zu einer anderen Akklamationsformel zu erkennen.

In Neuseeland ist die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters übrigens ganz offiziell als Religion anerkannt. Wer weiß, vielleicht werden in Zukunft weitere Länder folgen. Und aus einer Parodie könnte sich tatsächlich eine „richtige“ Religion entwickeln, die irgendwann sogar die Weltherrschaft an sich reißen könnte.

 

Deshalb baue ich an dieser Stelle schon einmal für die Zukunft vor und schließe mit den Worten: Obey your noodly master! (Deutsch: Unterwerfe dich deinem nudeligen Gebieter!)

 

Weitere Infos zum Thema:

die deutsche Website

das amerikanische Original

© Titelbild: www.spaghettimonster.org

 

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„Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen ist derselbe wie zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz“ – Mark Twain

Meine Begeisterung für das geschriebene Wort wurde bereits sehr früh geweckt, denn ich bin in einem Haushalt voller Bücher aufgewachsen. Deshalb habe ich schon seit meiner Kindheit immer sehr viel gelesen und eigene Geschichten geschrieben.
Im Laufe meiner Schulzeit bildete sich dann mein Berufswunsch heraus, ich wollte unbedingt mit Texten arbeiten und Lektorin oder Kulturjournalistin werden.
Deshalb studierte ich Germanistik und Skandinavistik an der Universität Göttingen und schloss mein Studium Anfang 2011 mit einem Magister Artium ab.
Während meines Studiums korrigierte ich unzählige Hausarbeiten von Kommilitonen, schrieb Artikel für Zeitschriften und arbeitete redaktionell im PR-Bereich. Im Anschluss daran war ich knapp fünf Jahre lang im Wissenschaftslektorat tätig und u. a. für die Betreuung einer wissenschaftlichen Zeitschrift verantwortlich, für die ich das Layout und Korrektorat übernahm. Nebenberuflich habe ich ebenfalls als Lektorin gearbeitet sowie als Texterin.

Des Weiteren konnte ich einige Erfahrungen im Marketing und im Verlagswesen sammeln.

In all diesen Jahren ist meine Leidenschaft für die Arbeit an und mit Texten nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, nach wie vor freue ich mich jedes Mal, wenn ich einen neuen Text vor mir liegen habe, der von mir bearbeitet werden darf oder wenn ich selbst einen Text schreibe und mich dafür vorher in ein neues Thema einarbeiten kann.

☆ Skandinavische Sprachen (Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und Isländisch), Kultur und Literatur ☆ PR und Marketing ☆ Kreatives Schreiben ☆ Literatur, insbesondere deutschsprachige Literatur des „Fin de Siècle“ (Wiener Moderne, Impressionismus/Symbolismus) und poetischer Realismus ☆ Fantasy & Graphic Novels ☆ Politik ☆ Netzkultur/Nerdkultur ☆ Fauna

In eine Musikerfamilie hineingeboren, lag es natürlich nahe, dass die Kunst und im Besonderen die Literatur und Musik ein wichtiger Bestandteil meines Lebens sein würden. Während der Schulzeit standen dann, neben der Lektüre des gesammelten Bestands der erreichbaren Bibliotheken, vor allem Geigenstunden, Chor und später der Musik-Leistungskurs an erster Stelle.

Als klassischer Bücherwurm siegte jedoch nach der Schule die Liebe zur Literatur und ich schloss mein Germanistik- und Geschichtsstudium an der Universität Freiburg i. Brsg. mit einem Bachelor of Arts, und an der Universität Göttingen mit dem Master of Arts ab.
In dieser Zeit konnte ich außerdem erste Erfahrungen in der Verlagswelt sammeln, genauer gesagt, in die Bereiche Herstellung, Vertrieb und PR eines kleinen, belletristisch ausgerichteten Münchner Verlags hineinschnuppern. Durch mehrere Nebenjobs, größtenteils ebenfalls in der PR und im Lektorat, die ich während des Studiums ausübte, erarbeitete ich mir bereits praktische Routine und Sicherheit in diesen Bereichen.

Inzwischen wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, lektoriere, korrigere und texte ich nun auch von München aus.

Was mich an meiner Arbeit für die Zweite Feder besonders begeistert, ist die Möglichkeit, an Texten zu feilen, mit Sprache zu spielen und gleichzeitig jeden Tag neue Themen, Menschen und Geschichten zu entdecken und über diese Entdeckungen zu schreiben.

☆ Musik und Musiktheorie (Spezialgebiet „Alte Musik“, v. a. Barock) ☆ Geschichte ☆ Englischsprachige, vor allem britische Literatur ☆ Filme und Serien ☆ SciFi ☆Garten und Pflanzen ☆ Reisen ☆ Wandern ☆ Stricken